Gespräche mit Pflanzen

"Auf der gegenüber liegenden Straßenseite stand einst eine Pappel, warf Schatten auf einen Rasen, sprach mit unseren Balkontomaten und –melonen, schüttelte Äste und Zweige am Morgen und fing die Sonnenstrahlen auf, widerstand Stürmen und Regenböen und harten Wintern, sprach mit Paul, der Fischkatze, die mit Bäumen spricht und unter Bäumen schläft. Sie war der Ruhepol an einer Straße, die täglich Aberhunderte von Kraftfahrzeugen klaglos ertrug und das Gegröhle von Menschen. Aber Frauen schoben ihre Kinderwagen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen und sie zu loben.


Bis eines Tages ein Trupp Kerle anrückte und sie umhaute. Das Kölner Entgrünungsamt hatte den Befehl gegeben, und welcher Hartz-4-Soldat kann dem widerstehen.


Das zerbrach mir das Herz, ich lief hinüber und sammelte die letzten Zweige zusammen. Und nahm ihre Seele auf. Seitdem bin ich eine Pappel. Die Fenster sind grün verhangen, ich komme an keinem Baum mehr vorbei, ohne ihn zu grüßen.


Die Pappel wird bleiben, während die Befehlsgeber und –empfänger im Kremato­rium verschwinden, spurlos. Sie quälen sich noch ein paar Jahrzehnte mit Eiter­beulen, Hodenkrebs und Taubheit, aber sie haben noch Zeit für 10000 Säcke Kartoffelchips und 1500 Tage Fernsehen".


So schreibt die deutschsprachige Schriftstellerin Louise Storm. "Ich habe allerdings am Schicksal einer Pflanze sehr intensiv teilgenommen", fuhr sie fort und erzählte.


"Ich erhielt von meinem Arbeitgeber vor Jahren einen Pflanzentopf mit mehreren Pflanzen als Geburtstagsgeschenk. Den ließ ich in meinem Arbeitszimmer stehen, goß ihn regelmäßig, aber wandte nicht allzu viel Pflege auf.


Irgendwann waren von den ursprünglich vorhandenen fünf Pflanzen nur noch drei da, die anderen waren eingegangen, ohne daß mich das sonderlich gekümmert hatte. Aber das sollte sich ändern. Denn nach dem Vorfall mit der Pappel widmete ich den Überlebenden sehr viel Energie, die üppige Pflanze mit den großen Blättern erhielt einen neuen Topf mit frischer Blumenerde, das Bonsaibäumchen und die Bodenblumenpflanze verblieben im alten Topf.


Dieffenbachie

Einmal hielt ich die Innenfläche meiner linken Hand an die üppig wachsende Pflanze mit ihren riesigen Blättern voller sehr hellgrüner Adern; augenblicklich spürte ich eine heftige Energie, die zu mir strömte. Ich setzte mich direkt vor die Pflanze und berührte ihre Blätter mit der Stirn. Es war überwältigend. Der Energiestrom riß nicht ab, bis ich merkte, daß mir schwindelig wurde.


Vor zwei Jahren fing die Pflanze an, gelbe Blätter zu entwickeln. Ich fragte einen Kollegen, der Experte auf dem Gebiet des Gartenbaus ist. Er sah sich den Topf an und meinte, ich würde zuviel Wasser geben. Da könnten die Wurzeln schon mal anfaulen, und in der Folge sterben Blätter ab. Ich war mit der Antwort nicht zufrieden. Daher suchte ich im Internet nach den Ursachen von vergilbenden Blättern. Aber um eine Lösung zu finden, mußte ich optisch aufrüsten. Ich nahm meine Kamera mit dem Makroobjektiv von Zuhause mit und machte Fotos und kurze Videosequenzen. Schließlich fand ich den Übeltäter: Auf den Blättern hatten sich winzige Insekten angesiedelt, die von den Experten "Thripse" genannt werden. Gegen sie half nur ein Schädlingsbekämpfungsmittel.


Thripse

Also holte ich aus dem Baumarkt das Zeug und nebelte die Pflanze damit ein. Der nächste Tag war ein Samstag, an dem ich normalerweise nicht arbeitete. Trotzdem fuhr ich die fast 30 Kilometer ins Büro, um die Pflanze mit viel Wasser von den Überresten der Chemotherapie zu befreien. Anschließend arbeitete ich gleich noch etwas nach.


Diese Prozedur mußte ich einige Male wiederholen, weil in der trockenen Luft des Büros die Thripse sich immer wieder ansiedelten, vermutlich kamen sie durch die Klimaanlage. Die Pflanze dankte mit intensivem fauligem Geruch und schöner Energie.


Als die Firma, in der ich so viele Jahre gearbeitet hatte, ihre Tore für immer schloß, holte ich die drei Pflanzen nach Hause. Für die große Üppige, deren Namen ich mittlerweile herausgefunden hatte - "Dieffenbachie", eine tropische Pflanze aus dem südamerikanischen Regenwald, die es vor allem warm und feucht liebt und die eigentlich hier gar nicht hergehört, schon gar nicht in trockene, vollklimatisierte Büroräume - mußte ich meiner Katzen wegen mir eine spezielle Lösung ausdenken, damit sie nicht an die giftigen Blätter herankonnten: Ich stellte sie auf einen Barhocker direkt ans Nordostfenster. Leider auch nicht artgerecht, aber ich habe nur eine Etagenwohnung ohne Gewächshaus. Aber nun fühlt sie sich nicht mehr so allein, zumal Lilly die Nächte gern unter ihr verbringt."


Last Update: 18.09.2010
© 2009 by Louise Storm