Gespräche mit Tieren

Heike Bödeker
Penelope Smith: Gespräche mit Tieren. Deutsch von Annette Gabriel-Reinecke. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1995. 333 pp.


Das zur Rezension stehende Buch ist eine erweiterte Ausgabe von Animal Talk: Interspecies Communication (Point Reyes, CA: Pegasus 1989). Die Kapitel "Bewußtsein und Intelligenz bei Tieren" (Animal Intelligence and Awareness), "Der Standpunkt der Tiere" (Understanding Animals' Viewpoints), "Die Heilung von Tieren" (Healing and Counselling with Animals) und "Wenn Tiere sterben – eine spirituelle Reise" (Animal Death: A Spiritual Journey) sind Transkripte von Ton- bzw. Videokassetten, die hier nun erstmals im Druck vorliegen.


Smith ist bekannt für ihre "Gesprächstherapie" mit Tieren, allerdings wäre es zu kurz gegriffen, würde man erwarten, mit diesem Buch eine "veterinär-psychologische Hausapotheke" geliefert zu bekommen. Angesichts verbreiterter Haltungen gegenüber na'aaksi ("non-human persons") [Smith redet von "nichtmenschlichen Tieren", aber gut..., solche Terminologiefragen kann man sich für irgendwann später mal aufsparen...] scheint es nicht unangebracht, daß sie erst einmal fast 50 Seiten lang auf Anthropozentrismus einerseits und Vermenschlichung andererseits eingeht. Auf p. 14 bezeichnet sie eine solche Haltung deftigerweise als "Behinderung". Bei der Diskussion von Dichotomien wie Intelligenz/Instinkt und Verstand/Intuition hätte ich mir allerdings eine etwas kritischere Haltung gewünscht. Die damit in Verbindung gebrachte "Linke/Rechte Gehirnhemisphärentheorie" ist in sich ja auch wieder nur Ausdruck einer "Spalter"-Mentalität. Und wozu sollte man "Links"-Fanatikern das "Zugeständnis" machen, daß "Tiere" in "ihrer" Hemisphäre nicht so "gut" wären?! (Abgesehen davon, daß ich i.Ggs. von Smith nicht einmal davon zu überzeugen bin).


Etwas unglücklich finde ich auch die Diskussion von Sprache ggü. nicht-verbalen Kommunikationsmedien. Wenn Smith schon zu der Einsicht gelangt ist, daß "Tiere" menschliche Sprachen durchaus "passiv" beherrschen lernen können, dann hätte sie sich ja auch mal Gedanken über die Phylogenese machen können. Immerhin, während die meisten "Tiere" aufgrund ihrer Kehlkopfposition nicht zur Artikulation einer Larynx-Pharynx-Sprache (bildlich gesprochen: "blasinstrumentartig" — wie z.B. alle Standard Average European Languages) in der Lage sein können, wären viele zumindest theoretisch sehr wohl zur Artikulation einer Lingua-Palatum-Sprache ("perkussiv" — am Eindeutigsten vertreten durch /Xam und verwandte Süd-Khoisan Sprachen) in der Lage. Dies aber wirft die Fragen auf,


1. ob Sprache nicht schon sehr früh während der "Menschwerdung" bestimmter Primatenlinien entstand,


2. aus welchem Grund viele "Tiere" auf diese Möglichkeit "bewußt verzichten".


Die Antwort zumindest auf (2) findet man, sobald sie zum "praktischen Teil" übergeht: Spracherwerb bei Kindern korreliere oft mit dem Verlust der Fähigkeit zu "telepathischer" Kommunikation aufgrund negativer Sanktionierung des letzteren durch ihrerseits entsprechend sozialisierte Erwachsene (p.49).


Wenn man das erstmal geschluckt hat, kann zumindest ich am Hauptteil nichts gar zu "Exotisches" mehr finden, liest sich halt, wie wenn eine gute Therapeutin aus dem Nähkästchen plaudert, und ob da Personen gerade als "Menschen" oder als "Tiere" durch die Weltgeschichte laufen, ist für eine Hardcore-Animistin wie mich ohnehin längst nebensächlich. Dafür war ich eher enttäuscht darüber, daß es zu 90% "nur" um "domestizierte" Tiere geht, zu 9% um gefangengehaltene "der Wildnis 'entnommene'" Tiere und nur zu 1% um wildlebende Tiere. Manchmal kam mir sogar der ketzerische Zweifel, ob viele Haustiere nicht eigentlich "Menschenseelen" haben, wo sie doch eine so "humane" Psychodynamik zeigen und sogar "menschliche Gesellschaft" als primäres soziales Bezugssystem haben...


Gespräch mit Leoparden

In diesem Zusammenhang ein Punkt, den ich zuerst übersehen hatte (wohl aufgrund damals noch nicht aufgearbeiteter Mißbrauchserfahrungen meiner Kindheit), der für mich dann aber eine umso größere Rolle spielte, ist die noch ketzerischere Frage, ob die Auswahl des Samples nicht eher darauf hindeutet, daß es trotz aller Lippenbekenntnisse hier doch nicht um eine Verbesserung der Kommunikation auf gegenseitiger Basis geht, sondern um eine Optimierung der Ausbeutung mit sog. spirituellen Mitteln.


Ich möchte diesen Gedanken nicht als Umkehrung einer scheinbar arroganten unter manchen nativen Gruppen verbreiteten Sichtweise verstanden wissen, wonach domestizierten Menschen, Tieren und Pflanzen die sog. Freiseele (i.S. von Cheyenne må-hta'sóoma "Schatten") verloren geht (die also nur noch bei nichtdomestizierten Menschen, Tieren und Pflanzen vorhanden sein kann). Ob man die Neolithische Revolution als Fortschritt, Sündenfall, oder einfach nur interessante Variation empfindet, scheint — wie so manches in Lifestyle-Angelegenheiten — Geschmackssache zu sein.


Die interessantere Frage scheint mir hingegen zu sein, ob nicht entlang dieser Scheidelinie die wirklich relevanten Grenzen zwischen unterschiedlichen Kulturen verlaufen. Diese Definition von Kultur scheint für die meisten Leute hier etwas ungewohnt, ist aber in anderen Weltgegenden üblich: an der ni'tsiitapia'pi "balanced culture" (der Blackfoot) etwa, partizipieren per definitionem alle ni'tsiitapikoaiksi "balanced persons". Umgekehrt: hierzulande spricht man in diesem Sinne ja auch von Kulturlandschaft, da seit dem Einfall der Bandkeramiker (ca. 4500 v.u.Z.) von der "Natur" (im allerstrengsten Sinne des Wortes, der auch sehr viel von romantischer Verklärung hat, aber auch die — durchaus nicht immer unaufrichtig-verlogen-perfide — Sehnsucht danach ausdrückt...) nicht mehr allzuviel übriggeblieben ist. Nichtsdestoweniger haben die "Wilden" hier und die "Zivilisierten" da zumindest eine Gemeinsamkeit: sie sind alle in ein großes Spinnennetz verstrickt, das sich "die Welt" nennt..., ob sie's mögen oder nicht... Aber ein Unterschied wird mir wohl mein ganzes Leben lang zu schaffen machen: die einen müssen sich irgendwie mit den anderen auseinandersetzen, und die anderen tendieren immer wieder dazu, die einen als "ganz andere" auszugrenzen, zu ignorieren und noch schlimmeres...


Last Update: 29.01.11
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